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El Hierro

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El Hierro ist die kleinste und jüngste der Kanarischen Inseln und liegt ganz im Westen des Archipels. Massentourismus gab es hier nie, weshalb viele Orte ihren ursprünglichen Charakter bewahrt haben.

Nach einer wackligen Landung eine frische Brise

Nur kleinere Flugzeuge der inländischen Gesellschaften können auf dem kleinen Flughafen im Küstengebiet von Llano de los Cangrejos im Nordosten der Insel und in der Nähe der Hauptstadt Valverde landen. Hin und wieder ist das eine ziemlich wacklige Angelegenheit, doch schon der erste Blick aus dem Fenster des Flugzeugs schürt den Appetit auf mehr. Und zwar auf eine Insel, die sich wie ein Botanischer Garten im Atlantischen Ozean präsentiert und auf der sich insbesondere Individualisten sehr wohl fühlen. Wer aus der Großstadt kommt und noch die Abgase der Automobile in der Nase hat, der wird auf El Hierro von gegensätzlichen Empfindungen heimgesucht. Denn hier ist die Luft klar und prickelnd wie ein Glas Champagner. Zwischen subtropisch und frisch schwanken die klimatischen Verhältnisse in diesem Teil des kanarischen Archipels.

Ein markanter Kirchturm auf einem Lavakegel

Eine Kirche in weiß und rot ist so etwas wie das Symbol von El Hierro: Die Iglesia de la Virgen de la Candelaria. Deren Glockenturm hat man auf einem Lavakegel gebaut, und sie schaut von dort oben hinab auf die Stadt La Frontera, wo sich auch die eigentliche Kirche befindet. Der Turm markiert eine der markantesten landschaftlichen Stellen von El Hierro, denn hinter ihm wuchtet sich eine Felswand bis in eine Höhe von über tausend Metern. Das Gotteshaus ist dem Schutzpatron der Gemeinde gewidmet und stammt aus dem späten 17. Jahrhundert. Früher soll die Glocke des Turms über ein System aus Schnüren mit allen Teilen von La Frontera verbunden gewesen sein. Damit lud sie alle Gläubigen an Festtagen und zu Fiestas ein.

Respekt und Aufmerksamkeit für eine fragile Natur

Die Einwohner von El Hierro können nur noch müde lächeln, wenn sie von dem Rest der Kanaren „El culo del archipíelago“ bezeichnet werden. Damit ist „der Hintern des Archipels“ gemeint. Aber: Es ist ein „schöner Hintern“, und die Menschen, die auf dieser Insel leben, behandeln seit jeher die fragile Natur um sie herum mit großem Respekt und nie versiegender Aufmerksamkeit. Allerdings war dies in keinem Jahrhundert ein leichtes Leben, und etliche Einwohner von El Hierro wanderten vor hundert Jahren nach Venezuela oder Kuba aus, weil sie dort bessere Lebensbedingungen für sich und für ihre Familien erhofften. Manche kehrten vermögend zurück, andere blieben ihr Leben lang jenseits des Atlantik. Im Mittelalter hatten sie sich sogar gegen einfallende Piraten gewehrt, in dem sie diese in die nebelverhangenen Berge lockten, wo sich die ungebetenen Eindringlinge fast immer verirrten.

Schafzucht und Käsezubereitung in Handarbeit

Die kleine Insel bietet sich für Wanderungen geradezu an, doch wer sie auf Schusters Rappen umrunden möchte, ist gerade einmal drei Tage unterwegs. Pfade und Wege finden sich nur an den Küstenabschnitten, denn in der Mitte El Hierros sind die zahlreichen erloschenen Vulkane kaum passierbar. Der höchste Gipfel ist dort der Malpaso mit rund 1.500 Metern. Die zehntausend Einwohner haben sich nur zögernd und mit einem geringen Erfolg dem Tourismus geöffnet, und es gibt auf der Insel kaum mehr als 1.500 Gästebetten. Also beschäftigt man sich auf den kargen Böden der Heimat vor allem mit der Schafzucht und mit einem Käse, der in Handarbeit gefertigt und sogar exportiert wird.

Ein Gesundbrunnen mit schwefelhaltigem Wasser

Das ist auch so in den stillen Dörfern westlich der Hauptstadt – in Guarazoca und Mocanal. Weinreben wachsen an den Hängen von Sabinosa, und von dort ist es nicht weit bis nach Pozo de la Salud. Dort nennt man sich „Kurort“, weil von einem Gesundbrunnen seit etlichen Jahrhunderten schwefelhaltiges Wasser tropft. Dem sagt man heilende Kräfte nach. Durch einen Pinienwald führt der Weg nach El Pinar, wo ein traditionsreiches Kunsthandwerk zu Hause ist und wo bereits im frühesten Frühling die Mandelbäume blühen.

La Restinga – Startplatz für Hochseesegler

El Hierro wurde vor einiger Zeit in seiner Gesamtheit zum Biosphärenreservat erklärt. Das hat dem Tourismus einen kleinen Schub versetzt, aber der große Durchbruch lässt auf sich warten. Die Bauern beschäftigen sich in ihren kleinen Plantagen mit dem Anbau von Avocados und natürlich mit dem von Bananen, doch die allgemeine Armut ist den Menschen auf El Hierro geblieben. Und dies schon seit den Zeiten, als die internationalen Handelsgesellschaften darauf verzichteten, Schiffe zu dieser westlichsten Insel der Kanaren zu schicken. Immerhin hat sich der winzige Fischerhafen La Restinga einen Namen gemacht als Startplatz für Segler, die ferne Ziele jenseits des Atlantischen Ozeans ansteuern möchten. In La Restinga gibt es die meisten Hotels, und wer hier logiert, ist entweder Taucher oder wartet auf die Chance, von einem der Fischerbote mitgenommen zu werden.

Eine Meeresschutzzone vor der Küste

Trotz des eher stockend anlaufenden Tourismus hängt El Hierro wohl noch eine Weile am Tropf der Subventionen aus der spanischen Landeshauptstadt Madrid sowie aus Brüssel. Einige angedachte Projekte existieren offenbar noch immer auf dem Papier. Aber es hat sich auf dieser Insel auch schon etwas verändert. Zum Beispiel die Meeresschutzzone bei La Restinga, die sich „Reserva Marina“ nennt und besagt, dass an der südwestlichen Küste El Hierros nur noch eingeschränkt gefischt werden darf. Auch Tauchkurse werden in diesem Gebiet nicht mehr angeboten, um die Unterwasserwelt zu schützen. Ganz allmählich erholt sich wieder der küstennahe Fischbestand. Wer auf dieser Insel seinen Urlaub verlebt, sollte – so er es denn mag – den köstlichen aromatischen Honig probieren. Er ist zwar ein wenig teurer als auf anderen Inseln, doch er ist jeden Cent wert.

Selbst auf den Lavafeldern blühen Pflanzen

Doch das Kapital von El Hierro ist und bleibt die wunderbare Natur. Wer dort auf den kurvenreichen Straßen unterwegs ist, der begegnet selten einem Wagen. Links und rechts der Wege breiten sich umfangreiche Wacholder-Haine aus, und die Kiefernwälder vermitteln den Eindruck, dass hier ganz selten die Hand eines Försters etwas begradigt hat. Dies ist eine naturbelassene Landschaft unter einem blauen Himmel – sofern sich die feuchte Nebelwand zurückgezogen hat. Jenseits der Baumgrenze breitet sich eine karstige Mondlandschaft aus, doch selbst auf den weiten Lavafeldern entdeckt der Besucher das ein oder andere blühende Pflänzchen. Wer auf El Hierro lebt, ist bemüht, dies alles für die Nachwelt zu erhalten.

„Punta Grande“ – das kleinste Hotel der Welt

Und wer nach El Hierro gekommen ist, um nicht allein die Natur zu genießen, sondern Gastfreundschaft und Gastronomie, der sollte im romantischen Hotel „Punta Grande“ vorbei schauen. Wenn man dem Guinnes Buch der Rekorde glaubt, dann ist dies das kleinste Hotel der Welt. Es verfügt lediglich über vier Zimmer und ähnelt von außen einem rustikalen Schiffsrumpf. Das frühere Landhaus, das eines Tages renoviert wurde, liegt quasi Auge in Auge mit dem Ozean. Es ist vom Meer umschlungen, und wer zum Sundowner auf einem Hocker an der kleinen Bar sitzt, der hat sich eine Art Logenplatz gesichert. Zumindest akustisch ist das nahe Meer immer präsent. Auch beim abendlichen Dinner, wenn der Vino Frontera serviert wird. Dies ist ein weißer Wein, der in Fässern aus dem Holz von Pinien gekeltert wird und einen milden und doch würzigen Charakter hat.

Am „Punta de Orchilla“ lag einst der Nullmeridian

Jeder, der an Bar des „Punta Grande“ hinaus schaut auf das wogende Meer, der begreift, dass dort draußen über eine sehr große Strecke nichts mehr ist. Kein Inselchen und nur selten ein Schiff. Und irgendwo hinter dem Horizont liegt dann Amerika. Wild schäumt die Brandung am westlichsten Punkt der Kanarischen Inseln. Man nennt ihn „Punta de Orchilla“ und er erfreut sich der Nachbarschaft eines Leuchtturms. Nur die Einheimischen wissen, dass genau hier bis zum Jahr 1884 der Nullmeridian lag, ehe man ihn nach Greenwich verlegte. Ein wenig weiter liegt Pozo de las Calcosas, und es ist erstaunlich, dass man dieses Geisterdorf noch auf den Landkarten von El Hierro findet. Hier soll es im Jahr 1793 den letzten Vulkanausbruch auf der Insel gegeben haben. Heute krähen dort nur noch die Hähne. Irgendwie gehört auch das zu El Hierro, dem Fels in der Brandung des Atlantik.